Geschlechterforschungspolemik im Sommerloch oder "Ich röhre, also bin ich"

Eine Replik auf Harald Martensteins Artikel im ZEITmagazin vom 06.06.2013 von Isabel Collien (HCU Hamburg) in Kooperation mit Inga Nüthen, Heike Pantelmann und Ulla Bock (Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin)

Ab Seite achtzehn war es klar: Hier handelt es sich um einen Geniestreich subtiler Unterwanderung, um Sabotage in ihrer subversivsten Form. Wie sollte es sonst zu erklären sein, dass die ZEIT Harald Martenstein derart viel Platz für sein plumpes Halbwissen über Geschlechterforschung einräumt. Geschickt platzierte die Marketingabteilung daher die Werbung zum neuen Buch von Eugen Ruge genau neben Martensteins Artikel. Ihre Überschrift: „Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“ Das konnte kein Zufall sein. Das war ein Sabotageakt, um sich davon zu distanzieren, was Martenstein in seinem Artikel tut: Erzählen wie es angeblich war und ist mit den Genderforscherinnen in Deutschland. Aus einer Position weitgehender Unkenntnis des Forschungsfeldes heraus. In einer Sprache, die einer Stammtischpolemik gleichkommt.

Damit setzt Martenstein fort, was er bereits 2010 angekündigt hat. Er vertritt in selbsterklärter, nonkonformistischer Manier die These, „dass Gender-Politik und Voodoo aufs Gleiche hinauslaufen“. Martenstein will der Querulant sein, der Querschläger. Der, der sich traut öffentlich die Wahrheit zu sagen. Der, der sein Gesicht todesmutig in den Shit-Storm der Gender-Tanten hält. Der, der Opfer bringt, für sich, für alle Männer. Gegen die feministische Gleichmacherei. Gegen die politisch korrekte Gender-Rhetorik.

Das könnte den Genderforschenden eigentlich egal sein. Was weiß Martenstein schon von den Erkenntnissen und internen Debatten dieses Forschungsfeldes? Schockierend wenig. Das Problem an Martensteins Artikel ist jedoch, dass er sich nicht vollkommen blöd anstellt. Das zeigen auch die vielen lobenden Kommentare auf der ZEIT-Webseite. Geschickt verwendet Martenstein sein rudimentäres Gender-Wissen, ein paar Einführungsbände und Interviews, um seine vorher festgelegte These zu stützen: Genderforschung ist Voodoo.

Sein Artikel steht in einer perfiden Tradition, die Erkenntnisse von Frauen als unwissenschaftlich diffamiert. Geschlechterforschung beruht nämlich, so Martenstein, „auf einem unbeweisbaren Glauben“ und ist daher maximal als Antiwissenschaft zu betrachten. Diese Schlussfolgerung ist im besten Falle mutig, im schlechtesten Falle peinlich. Das wäre, als würde man zwei Einführungen in die Quantenphysik lesen, zwei Expertinnen befragen um anschließend, weil man immer noch nichts von Quantenphysik verstanden hat, in einer renommierten Wochenzeitung verlauten zu lassen: Quantenphysik ist keine richtige Wissenschaft. Dabei würde man achtzig Prozent der Erkenntnisse des Faches ignorieren und behaupten, dass Naturwissenschaften eine grundsätzliche Aversion gegen Geisteswissenschaften hegten. Genauso wie Martenstein über Gender Studies behauptet: „Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Da ähneln sie den Kreationisten“.

Interessant, denkt man sich. Wie kommt es dann, dass eine der bekanntesten Geschlechterforscherinnen, Donna Haraway, in der Biologie und der Naturwissenschaftsgeschichte zu Hause ist? Oder Karen Barad, die sich mit Quantenphysik auseinandersetzt? Oder Heinz-Jürgen Voß, der aus biologischer Perspektive detailliert belegt, dass biologische Geschlechter konstruiert sind? Oh, hoppla, das wusste ich nicht. Alles Ausnahmen, würde Martenstein sagen. Mag sein, dass diese Forscherinnen in ihren Fächern tatsächlich die Ausnahmen darstellen. Denn das sind Geschlechterforschende meistens, Ausnahmen im mainstream, oder besser: malestream. Trotzdem steckt in der These, dass Geschlechterforschung eine Abneigung gegen Naturwissenschaften hege, vielleicht ein Körnchen Wahrheit. Wenn ich von neurowissenschaftlichen Studien höre, die Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen ausmachen, bin ich mehr als skeptisch. Denn solche Studien bringen häufig die Unterschiede erst hervor, die sie zu entdecken vorgeben, wie die feministische Zeitschrift an.schläge in ihrer Ausgabe zu Gehirn und Geschlecht (03/2012) oder Prof. Anelis Kaiser und Prof. Sigrid Schmitz im Rahmen der Ringvorlesung „Geschlechterforschung revisited“ (FU Berlin, 2012) ausführlich diskutierten. Das ist das problematische an solchen Studien. So viel hat Martenstein irgendwie auch verstanden. Und genauso egal ist es ihm.

Frei nach dem Motto: „Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“ reiht er sich lieber ein in eine Wissenschaftsgeschichte, die die Leistungen von Frauen geflissentlich übersieht. Eine Geschichte, die auf biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurückgreifen muss um zu begründen, warum es „keinen weiblichen Mozart“ gibt. Nannerl, Mozarts ältere und ebenso begabte Schwester, ignoriert Martenstein schlicht. Und auch die ungleichen gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die Frauen bis heute Karrierewege versperren. Er krallt sich lieber ans Testosteron, wie ein Ertrinkender an den Rettungsring. Obwohl naturwissenschaftliche Studien sich keineswegs über die Wirkung von Testosteron einig sind. So erforschten Eisenegger et al. (2009) unlängst, dass Testosteron eben nicht risikofreudiger mache. Sonst hätte meine Tante ja auch anfangen müssen ihr Geld zu verspielen und Bungee zu springen, als sie sich in den Wechseljahren Testosteron spritzen ließ. Logisch. Martenstein beschwört jedoch einen Zusammenhang zwischen Testosteron und Risikofreude und stützt sich dabei auf Susan Pinkers Buch The Sexual Paradox aus 2008, dessen Wissenschaftlichkeit sich unter anderem aus New York Times-Artikeln speist.

Wunderschön an Marteinsteins Artikel ist seine Sorge um das Weltklima und die Erölindustrie. Um den angeblichen Boom der Gender Studies zu untermauern, vergleicht Martenstein deren Lehrstuhlanzahl mit dem Rückgang von Professuren in der Paläontologie, die ja „für die Klimaforschung und die Erdölindustrie recht nützlich ist“. Da ist also der Beweis: Schuld an der Klimaerwärmung sind letztendlich die Gender Studies. Die hoch erscheinende Zahl von 173 Genderprofessuren, die Martenstein eingangs erwähnt, verschleiert jedoch verschiedene Faktoren:

Erstens, die 173 Genderprofessuren verteilen sich auf 33 Fächer. Sie sind somit quer über alle Disziplinen verstreut, wodurch sie eine enorme Themenvielfalt aufweisen. Gleichzeitig fehlt ihnen akademische Rückendeckung und sie werden häufig als erstes weggestrichen. Statt also Äpfel mit Birnen, das heißt Genderprofessuren mit Professuren in der Paläontologie zu vergleichen, wäre es sinnvoller gewesen, wenn Martenstein alle Professuren an deutschen Hochschulen als Relation verwendet hätte: Dann liegt der Genderanteil am Hochschulkuchen bei überwältigenden 0.4 Prozent. Zweitens, sind Genderprofessuren oft in bestimmten Bereichen zu finden, wie der Soziologie oder den Erziehungs- und Literaturwissenschaften. Sie sind keineswegs überall gleichermaßen verankert, weil sie nicht überall gleichermaßen gewollt sind. Dies führt, und hier sollte eine intensivere Debatte innerhalb des Forschungsfeldes angestrebt werden, zu einer weniger zentralen Stellung von Naturwissenschaften innerhalb der Geschlechterforschung. Aber nicht notwendig zu einer Aversion, wie Martenstein behauptet. Drittens, Genderprofessuren sind häufig keine luxuriösen W3 Professuren, sondern befristet. Damit sind sie ressourcentechnisch wesentlich schlechter aufgestellt als andere Bereiche. Geschlechterforschung ist in Deutschland folglich weit entfernt von einem schnell wachsenden Wissenschaftszweig mit einer starken Lobby, im Gegensatz zu Martensteins kruden Behauptungen. Wer sauber recherchiert, ist hier klar im Vorteil.

Bleibt noch die Frage: Was tun mit dem Artikel von Martenstein? Ihn ignorieren und unter die Kategorie röhrender Hirsch verbuchen, wie die Grafik über seinem Artikel nahelegt? Oder ihn im Kontext eines vielschichtigen Backlashs lesen, der nicht nur sexistische, sondern auch rassistische Abwertungen und Diskriminierungen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit schleichend zuspitzt? Letzteres, findet die Autorin. Genug zugeschaut. Zeit zu Handeln.

 

Auch Sabine Hark und Paula-Irene Villa haben am 14.06 2013 in der taz auf Martensteins Artikel reagiert: "Streit um Genderstudies: Biologistische Grenzziehungen"