Monographien 2003–2007

Bd. 12 (Neue Folge)

Esther Suzanne Pabst: Die Erfindung der weiblichen Tugend. Kulturelle Sinngebung und Selbstreflexion im französischen Briefroman des 18. Jahrhunderts. Göttingen 2007.

Esther Suzanne Pabst untersucht Geschlechterdebatten im Briefroman der französischen Aufklärung

Im 18. Jahrhundert bildete sich das dualistische Geschlechtermodell heraus. Zeitgleich wandelt sich die Bedeutung von vertu, einem zentralen Leitbegriff der französischen Aufklärung: Aus einem männlichen Verhaltensideal wird ein weibliches. Die Erfindung der weiblichen Tugend verhilft der damals entstehenden und bis heute wirksamen Theorie 'polarisierter Geschlechtercharaktere' zum Durchbruch. Zunächst jedoch bleibt das neue Differenzdenken im Frankreich der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts umstritten.

Im seinerzeit populären Briefroman werden Geltungsanspruch und Probleme der neuen Verhaltensnorm für Frauen thematisiert und verhandelt. Esther Suzanne Pabst analysiert neben Rousseaus Julie ou La Nouvelle Héloïse und Laclos’ Les Liaisons dangereuses auch die bisher von der Forschung weitgehend unbeachteten Briefromane Histoire de Madame de Montbrillant von Louise d’Épinay und Claire d'Albe von Sophie Cottin. Der erstaunliche Facettenreichtum des Tugenddiskurses lässt die Bedeutung des Aufklärungsdenkens für den modernen Geschlechterdualismus in neuem Licht erscheinen.

Über die Autorin:
Esther Suzanne Pabst, geb. 1966, studierte Romanistik, Russistik und Betriebswirtschaftslehre in Gießen und Besançon. Promotion 2006; zurzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der Universität Gießen (Französische Literatur- und Kulturwissenschaft).

Umfang:
340
Seiten

Bd. 11 (Neue Folge)

Wiebke von Bernstorff: Fluchtorte. Die mexikanischen und karibischen Erzählungen von Anna Seghers. Göttingen 2006.

Die Position von Anna Seghers in der Literaturgeschichte ist seit 1989 und mehr als 20 Jahre nach ihrem Tod durchaus umstritten. In diesem Band wird mit dem Nachweis der elementaren poetologischen Bedeutung der Frauenfiguren in den Erzählungen nach 1947 ein neues Licht auf die 'sozialistische Ikone' Seghers geworfen. Zugleich decken die Einzelanalysen der Texte die lange verkannte Bedeutung jüdischer Erzähltraditionen für Werk und Person von Anna Seghers auf. In der Rekonstruktion kulturhistorischer Kontexte (Exilbedingungen, Rezeption mexikanischer Wandmalereien, kulturelle Situation in der DDR) wird ein medialer Transformationsprozeß sichtbar, der bisher kaum beachtet wurde und der für die späten Erzählungen konstitutiv ist. In narratologisch angelegten Einzeluntersuchungen weist die Verfasserin nach, daß Seghers' sozialistische Weltanschauung im Verlauf der Nachkriegsentwicklungen nachhaltig erschüttert worden ist. Als Verkörperungen der Seghersschen Geschichtsphilosophie sind die weiblichen Figuren, die (soziale) Mutter, die jüdische Lehrerin, das Mädchen, die weise Frau und die Göttin, und ihre Orte durch ein Netz von Geschichten verknüpft, in dem sich zunächst die Hoffnung auf einen wirklichen Neuanfang (1947), später auf eine mögliche Harmonie zwischen Gesellschaft und Individuum (1967) artikuliert. In Anna Seghers' letzten Texten aus dem Jahr 1980 werden diese Hoffnungen im Bild des Verstummens der Erzählerinnen radikal verabschiedet.

Über die Autorin:
Wiebke von Bernstorff, geboren 1968, studierte Kulturwissenschaften und promovierte – nach einigen Jahren Arbeit in der Erwachsenenbildung – 2005 in Hildesheim. Zur Zeit tätig am Institut für deutsche Sprache der Universität Hildesheim.

Umfang:
c
a. 250 Seiten

Bd. 10 (Neue Folge)

Birte Werner: Illusionslos. Hoffnungsvoll. Die Zeitstücke und Exilromane Anna Gmeyners. Göttingen 2006.

Zeitgeschichte als Alltagsgeschichte: Birte Werner analysiert die brisanten Theaterstücke Anna Gmeyners aus der Zeit der Weimarer Republik und ihre Romane des Exils.

Birte Werner eröffnet einen neuen Blick auf die Literatur- und Theaterlandschaft am Ende der Weimarer Republik: Die Texte der österreichischen Autorin Anna Gmeyner werden vor ihrem kultur- und zeitgeschichtlichen Hintergrund präsentiert, der politisch brisant und von der Erfahrung einer alle Lebensbereiche umfassenden Krise bestimmt war.
Anna Gmeyner gestaltet in ihren vier Theaterstücken (»Heer ohne Helden«, »Zehn am Fließband«, »Automatenbüfett« und »Welt überfüllt«), deren Protagonisten Gruben- und Fließbandarbeiter, Arbeitslose, kleinstädtische Spießbürger und großstädtische Angestellte sind, Zeitgeschichte als Alltagsgeschichte. Die Dramentexte und die lyrischen Arbeiten der Jahre 1929-1933 sind durch die Neue Sachlichkeit inspiriert. Hitlers »Machtergreifung« im Januar 1933 machte Gmeyners Karriere als Bühnenautorin in Berlin zunichte. Im Exil in Paris und London entstanden ein Deutschland- und ein Exilroman, »Manja. Ein Roman um fünf Kinder« (1938) und »Café du Dôme« (1941).
Birte Werner analysiert die Motive, Themen und Topoi der Texte in ihrem literatur- und diskursgeschichtlichen Zusammenhang. Dabei steht die Relation zwischen Literatur, Politik, Geschichtsphilosophie und den poetologischen Debatten der Weimarer Republik sowie des Exils ab 1933 im Mittelpunkt.

Über die Autorin:
Birte Werner, geb. 1972, studierte nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin Germanistik und Kunstgeschichte in Göttingen und Perugia/Italien und promovierte 2005. Zur Zeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin.

Umfang:
ca. 320 Seiten

Bd. 9 (Neue Folge)

Susanne Thiemann: Vom Glück der Gelehrsamkeit. Luisa Sigea. Humanistin im 16. Jahrhundert. Göttingen 2006.

Luisa Sigea, eine Ausnahmegestalt ihres Jahrhunderts, wird erstmals in ihrem zeitgenössischen Kontext vorgestellt.

»Hier ruht Sigea. Das genügt. Wer weiterer Erklärungen bedarf, ist ein Barbar, der die schönen Künste nicht pflegt.« In diesem Epitaph, das der portugiesische Humanist André Resende anläßlich des Todes Luisa Sigeas 1560 verfaßte, wird deutlich, welchen Bekanntheitsgrad die 1522 im Königreich Toledo geborene Sprachgelehrte an ihrem Lebensende erreicht hatte. Ihr europaweiter Ruhm gründete vor allem auf einem Brief, den sie 1546 an Papst Paul III. in den fünf Bibelsprachen Latein, Griechisch, Hebräisch, Syrisch und Arabisch sandte, und auf einem 1566 gedruckten Lobgedicht, das sie ihrer Mäzenin, der portugiesischen Infantin Dona Maria, widmete.
Im Zentrum der zwischen Literatur- und Kulturwissenschaft angesiedelten Studie steht Luisa Sigeas längster überlieferter Text: der 1552 in Lissabon als Handschrift veröffentlichte Dialog Duarum virginum colloquium de vita aulica et privata. Darin erörtern zwei unverheiratete Frauen im Garten eines Landhauses die Frage nach dem wahren Glück und entwerfen das Modell einer Hofdame, deren Tugendhaftigkeit auf dem Studium der antiken Autoren beruht.
Die Studie von Susanne Thiemann ist eine der ersten, die über das Interesse an der Biographie der früh verstorbenen Ausnahmefigur hinausgeht, die Texte der Autorin im Spannungsfeld von Exzeptionalität und Exemplarität eingehender untersucht und in ihrem zeitgenössischen Kontext ­ zu dem sowohl die Topoi der humanistischen Rhetorik als auch die Problematik weiblicher Autorschaft gehören ­ verortet.

Über die Autorin:
Susanne Thiemann, geb. 1966, absolvierte eine Buchhändlerlehre und studierte Romanistik und Germanistik in Frankfurt am Main. Seit 1996 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik an der Universität Potsdam, wo sie 2004 promovierte.

Umfang:
ca. 280 Seiten

Bd. 8 (Neue Folge)

Stephanie Bung: Figuren der Liebe. Diskurs und Dichtung bei Paul Valéry und Catherine Pozzi. Göttingen 2005.

Im Sommer 1920 begegnen sich Catherine Pozzi und Paul Valéry zum ersten Mal. Paul Valéry hat gerade sein berühmtes Gedicht »Le Cimetière marin« veröffentlicht und Catherine Pozzi schreibt an einer literarisch-philosophischen Abhandlung über die Wahrnehmung. Die Liebe der beiden hinterläßt ihre Spuren nicht nur in Tagebüchern und persönlichen Aufzeichnungen, sondern spiegelt sich auch in den formvollendeten Versen, die Valéry und Pozzi zugleich für ein öffentliches Publikum geschrieben haben.
Die Gedichte eröffnen einen intertextuellen Resonanzraum von Liebe und Lyrik, dessen Auslotung sich nicht in der Frage erschöpft, »wie es wirklich gewesen ist«. In einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Diskursbegriff Roland Barthes¹ und unter Einbeziehung umfangreichem unveröffentlichten Materials zeichnet Stephanie Bung zunächst den »discours amoureux« in den »Cahiers« Valérys und im »Journal« Pozzis nach. Ausgehend davon, daß sich Literatur und Leben nicht nur mit dem Ziel der Vereindeutigung aufeinander beziehen lassen, gelangt sie so über die Figuren einer einzigartigen Liebe zu einer exemplarischen Lektüre der Stimmenvielfalt im Gedicht.

Über die Autorin:
Stephanie Bung, geb. 1973, studierte Romanistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Mainz und Dijon. Promotion 2004 an der Universität Mainz, seitdem wissenschaftliche Assistentin an der Technischen Universität Berlin.

Umfang:
240 Seiten

Bd. 7 (Neue Folge)

Britta Hannemann: Weltliteratur für Bürgertöchter. Die Übersetzerin Sophie Mereau-Brentano. Göttingen 2005.

Sophie Mereau(-Brentano) ist als Schriftstellerin wiederentdeckt worden, ihre Leistungen als Übersetzerin sind jedoch noch weitgehend unbekannt. Dabei hat sie eine große Zahl von Übersetzungen und Bearbeitungen aus dem Französischen, Englischen und Italienischen vorgelegt, die wie die Novellen aus Boccaccios Decamerone, Passagen aus Montesquieus Lettres persanes oder Madame de LaFayettes La princesse de Clèves, Corneilles Cid und Ovids ‹Narziss› aus den Metamorphosen schon um 1800 zum Bildungsbesitz gehörten und heute zur Weltliteratur zählen.
Entsprechend den von der Übersetzungsforschung formulierten Aufgaben wird in der Arbeit von Britta Hannemann der gesamte Vorgang der Übertragung ins Deutsche verfolgt: angefangen bei der Auswahl von Vorlagen über die jeweilige sprachliche und literarische Umsetzung ins Deutsche bis hin zur Veröffentlichung. Es werden grundlegende übersetzungstheoretische und sprachpraktische Fragen geklärt. Zugleich wird untersucht, wie die Ausgangstexte und deren Bearbeitung, die sich an ein neues, überwiegend junges, weibliches Zielpublikum richtet, im kulturellen Horizont der Zeit einzuordnen sind.
Auf der Grundlage teilweise unerwarteter Analysergebnisse wird in der vorliegenden Arbeit der Bestand der Werke, die Sophie Mereau wirklich zuzuschreiben sind, neu festgelegt. Damit liefert die Studie innovative Impulse für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit der Autorin Sophie Mereau und mit dem Literaturbetrieb um 1800 insgesamt.

Über die Autorin:
Britta Hannemann (*1974) hat an der Universität Göttingen Germanistik, Publizistik und Kommunikationswissenschaft sowie Anglistik studiert und mit dem Magisterexamen abgeschlossen. Als zunächst studentische, dann wissenschaftliche Hilfskraft hat sie Lehrveranstaltungen in Auslandsprogrammen der Germanistik und in der Publizistik abgehalten.
1998 hat sie als Kommentatorin und Mitautorin des Nachwortes den Band 'Joseph von Eichendorff, Das Marmorbild und das Schloß Dürande, München: Goldmann' mitherausgegeben.
Schon während ihres Studiums hat sie bei Radio- und Fernsehanstalten sowie bei Stadtmagazinen als Freie Redakteurin gearbeitet. Sie war auch als Pressesprecherin beim 'Göttinger Literaturherbst' tätig. Seit 2003 arbeitet sie in Hamburg bei Mediengesellschaften.

Umfang: 312 Seiten

Bd. 6 (Neue Folge)

Christiane Hauschild: Häretische Transgressionen. Das Märchenpoem „Mólodec“ von Marina Cvetaeva. Göttingen 2004.

Marina Ivanovna Cvetaeva (1892-1941) gilt als die bedeutendste Dichterin der russischen Avantgarde. Ihr 1922 enstandenes Poem „Mólodec“ nimmt ein bekanntes russische Volksmärchen über einen Vampir und sein Opfer auf und deutet es radikal um: Wird der Vampir im Märchen von seinem Opfer besiegt, so verläßt Marusja im Poem für den teuflischen Mólodec Mann und Kind und folgt ihm schließlich in der Schlußszene zu den Klängen der Abendmahlsliturgie in den Tod -- ins ‘blaue Feuer’. Trotz dieses blasphemischen Normbruchs ist der Text kein schlichtes Antimärchen, sondern macht gerade die Ambivalenz zu seinem ästhetischen Gegenstand.
Christiane Hauschild analysiert in ihrer Studie, wie das Poem elementare abendländische Texttraditionen – z. B. des Zaubermärchens, des Vampirstoffs, des Faustmythos, der christlichen Heilsgeschichte – intertextuell aufnimmt und sie überschreitet. In einer die Postmoderne antizipierenden Art und Weise destruiert der Text dabei die ihnen zugrundeliegenden binären Gegensatzpaare und Wertungsstrukturen. Im ambivalenten Figurenpaar der ‘häretischen’ Teufelsbünderin Marusja und des von ihr vergöttlichten Mólodec hat Cvetaeva darüber hinaus für die europäische Moderne beispielhaft ihren symbolischen Ort als Dichterin verhandelt. Die Arbeit eröffnet einen neuen Zugang zum Gesamtwerk dieser Dichterin und erschließt einen zentralen, in Deutschland noch kaum bekannten Text.

Über die Autorin:
Christiane Hauschild. Studium der Slavistik, Romanistik, Philosophie. Promotion in Göttingen. Seit 2002 Lehraufträge für Komparatistik und Geschlechterforschung an der Universität Göttingen. Zur Zeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Slavischen Seminar der Universität Hamburg.

Umfang: 246 Seiten

Der Band ist nur erhältlich mit der ergänzenden (russisch-deutschen) Textausgabe:
Marina Cvetaeva: "Mólodec. Ein Märchen". Hg. und übersetzt von Christiane Hauschild.

Bd. 5 (Neue Folge)

Romana Weiershausen: Wissenschaft und Weiblichkeit. Die Studentin in der Literatur der Jahrhundertwende. Göttingen 2004.

Mit der Studentin gewann die deutschsprachige Literatur um 1900 eine neue Figur, über die grundlegende Probleme einer Umbruchszeit verhandelt werden konnten. Studierende Frauen standen im Zentrum zeitgenössischer Kontroversen: Der Roman von Ilse Frapan über eine Medizinstudentin wurde in Zürich zum Skandal; es kam dort 1903 zu einem öffentlichen Protestmarsch von Professoren und Studenten gegen ein literarisches Werk. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nimmt Romana Weiershausen die Anfänge des Frauenstudiums in den Blick. In exemplarischen Textanalysen wird der wechselseitigen Irritation nachgegangen, die die Verknüpfung von Weiblichkeit und Wissenschaft auslöste. Es wird gezeigt, daß die Figur der studierenden Frau im Brennpunkt der um 1900 virulenten Debatten um das ‚Wesen‘ der Frau, um Sittlichkeit, wissenschaftlichen Fortschritt und das ‚Leben‘ steht. Der Studie liegt ein breites Spektrum von literarischen Texten der Jahrhundertwende zugrunde: Diskursanalytisch orientiert werden die argumentativen Strategien in Erzählungen, Romanen und Dramen u. a. von Lou Andreas-Salomé, Elsa Bernstein, Gerhart Hauptmann, Erwin Guido Kolbenheyer und Käthe Schirmacher untersucht. Dabei werden die in der Geschlechterdebatte konzentrierten Verflechtungen von Literatur- und Sozialgeschichte aufgedeckt.

Über die Autorin:
Romana Weiershausen studierte Germanistik, Mathematik und Deutsch-französische Kulturwissenschaft in Göttingen und Paris; Promotion 2003, zur Zeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen.

Umfang: 296 Seiten

Bd. 4 (Neue Folge)

Martina Schönenborn: Tugend und Autonomie. Die literarische Modellierung der Tochterfigur im Trauerspiel des 18. Jahrhunderts. Göttingen 2004.

Die Tochterfigur im deutschen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts ist als Repräsentantin bürgerlichen Sozialcharakters nach einem Weiblichkeitsbild konzipiert, das im Spannungsfeld zwischen Archaisierung und moderner Affektpsychologie steht. Als Projektionsfigur für die Modellierung von Individualitätsentwürfen steht die Tochter vor allem im bürgerlichen Trauerspiel im Handlungsmittelpunkt. Sie scheint als schwächstes Mitglied der Familie besonders geeignet, die Verortung des Individuums innerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen literarisch abzubilden.
In der vorliegenden Arbeit wird erstmals die Untersuchung kanonischer mit der Erschließung weitgehend vergessener Texte verbunden. Durch die Berücksichtigung der dramatischen Werke von Schriftstellerinnen sowie anonym erschienener Trauerspiele wird der von der Literaturwissenschaft festgeschriebene Kanon erweitert und somit ein differenzierterer Zugriff auf Dramen des 18. Jahrhunderts ermöglicht.
Auf der Grundlage exemplarischer Textanalysen bietet die Arbeit einen Überblick über die unterschiedlichen Inszenierungen geschlechtsspezifischen Sozialverhaltens und die damit verbundenen Projektionen und Idealisierungen: Über die Analyse der Tochterfigur lassen sich neue, gattungsgeschichtlich relevante Merkmale von kulturellen Konstruktionen des Weiblichen bestimmen

Über die Autorin:
Martina Schönenborn, geb. 1964; Studium der Germanistik, Komparatistik und Philosophie in Stuttgart und Bochum; Promotion 2002, zur Zeit Lehrbeauftragte für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Umfang: 200 Seiten

Bd. 3 (Neue Folge)

Roswitha Böhm: Wunderbares Erzählen. Die Feenmärchen der Marie-Catherine d'Aulnoy. Göttingen 2003.

Marie-Catherine d'Aulnoy ist eine der bedeutendsten französischen Autorinnen des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Sie gilt als beispielhafte Vertreterin der femininen Salonkultur und als Initiatorin der Feenmärchenmode. Bereits 1690 enthielt einer ihrer Romane ein Exemplar dieser Gattung. In den Jahren 1697/98 veröffentlichte sie unter den Titeln Les Contes des fées und Contes nouveaux ou Les Fées à la mode acht Bände mit insgesamt vierundzwanzig weiteren Märchen. Diese erzähltechnisch äußerst kunstvollen Texte bereiten aufgrund von Madame d'Aulnoys humorvoller Schreibweise noch heute ein hohes Maß an Lesevergnügen. Die Märchen entfalten ein breites thematisches Spektrum und entwerfen vor dem Hintergrund luxuriöser Sinneslustbarkeiten eine neue Liebeskonzeption und Geschlechterordnung.
Die vorliegende Arbeit unternimmt die rezeptions- und editionsgeschichtliche Erforschung der Märchen und bietet dann exemplarische Textanalysen, die einer zukünftigen differenzierteren Rezeption Vorschub leisten wollen. Die Ergebnisse des ersten Teils, in dem umfangreiches, bislang weitgehend unbekanntes historiographisches Quellenmaterial ausgewertet wird, werfen ein neues Licht auf die Wirkungsgeschichte der Feenmärchen und auf Kanonisierungsprozesse. Der zweite Teil löst das märchenhafte Versprechen des Haupttitels ein: das Erzählen des Wunderbaren vollzieht sich im Wunder des Erzählens. In ebenso subtilen wie sensiblen Analysen einzelner Märchen wird den Mechanismen der écriture féerique, der Alterität des femininen Feenmärchens und der absichtsvollen Strategie eines vielstimmigen Erzählens nachgespürt. Dadurch erhält die internationale d'Aulnoy- und Feenmärchenforschung neue Impulse.

Bd. 2 (Neue Folge)

Julia Drost: La Garçonne. Wandlungen einer literarischen Figur. Göttingen 2003.

Die Garçonne ist die epocheprägende Hauptfigur aus Victor Marguerittes gleichnamigem Roman aus dem Jahre 1922. Er repräsentierte in seiner Zeit einen aufsehenerregenden Grenzfall feministischer Literatur und vermittelt wie kaum ein anderes literarisches Werk der zwanziger Jahre einen Einblick in neue Frauen- und Männerrollen. Die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Garçonne als Figur reicht aber weit über die Breitenwirkung des Skandalromans hinaus. Die vorliegende Studie beschäftigt sich deshalb neben dem literarischen Werk mit der zeitgenössischen Rezeption und den verschiedenen Bedeutungszuweisungen, die die Figur der Garçonne durch den medialen Transfer in Theater, Film, Illustration und Mode erfährt. Diese machen sie zu einem wichtigen, zeitgenössisch repräsentativen, breit wirksamen und emanzipatorischen Frauentypus der zwanziger Jahre.

Bd. 1 (Neue Folge)

Birte Giesler: Literatursprünge. Das erzählerische Werk von Friederike Helene Unger. Göttingen 2003.

Von den Zeitgenossen viel gelesen und gerühmt, sind die Texte der Schriftstellerin, Übersetzerin und Verlegerin Friederike Helene Unger (1751–1831) heute weitgehend vergessen. Zu Unrecht – denn die Wiederentdeckung ihres im Zentrum des Berliner Literaturbetriebs der Goethezeit entstandenen Erzählwerks stößt auf eine spezifische, den künstlerischen Entstehungskontext reflektierende Literarizität: Die Texte spielen gleichermaßen ironisch mit gängigen literarischen Mustern wie mit den Konventionen des sich eben etablierenden modernen Literatursystems, wobei sich die Auseinandersetzung mit den beiden großen Antipoden der Epoche – Goethe und dessen Werk sowie die Brüder Schlegel und die Frühromantik – als dominierend erweist. Von Friedrich Schlegel als eine der “größten Tendenzen des Zeitalters” bezeichnet, dient Goethes für die Erzählliteratur der Epoche grundlegender Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre dabei als durchgängiger erzählerischer Bezugspunkt. Weil Ungers hochgradig intertextuelle Prosa das Gattungsmuster ironisch-kritisch reflektiert, führen die Lektüren der vorliegenden Studie auch über eine Revision der Gattungsgeschichte zum Bildungsroman und zu einer Neufassung der Theorie zur Gattung.
Als erste Unger-Monographie enthält der Band zudem eine umfassende Dokumentation mit einem Werkverzeichnis und einer Liste der überlieferten Autographen, die der zukünftigen Forschung den Weg zu den teilweise schwer zugänglichen Quellen erleichtert.